Krise der ökonomischen Bildung

Donnerstag, 16. Oktober 2008

 

Zu den vielen Gewissheiten, die die derzeitige Krise der Finanzmärkte hinwegfegen sollte, gehört die Überzeugung von einer Eigenlogik der ökonomischen Bildung. Wegen dieser Eigenlogik sei es notwendig, so wurde von interessierter Seite in Deutschland in den letzten Jahren mit kräftiger Unterstützung ausgerechnet des Bankenverbandes unermüdlich gefordert, dass wirtschaftliche Themen in einem eigenen Fach unabhängig von der politischen Bildung unterrichtet werden – denn, so das Argument, unter der Ägide der politischen Bildung würden wirtschaftliche Fragen einer fremden Logik, eben der des Politischen, unterworfen, und könnten daher nicht sachgemäß unterrichtet werden. So sollte das ökonomische Lernen, das in Deutschland seit Jahrzehnten in den meisten Bundesländern im Rahmen des Fachunterrichts zur politischen Bildung stattfindet, aus dieser scheinbaren Gefangenschaft befreit werden.
Die Lobbyinteressen, die sich mit dieser Forderung Ausdruck verschafften, waren zwar schon immer recht leicht durchschaubar. Mit der derzeitigen Krise tritt nun aber klar zutage, wie wenig Substanz das Argument von der Eigenlogik des Wirtschaftlichen am Ende hat. Die Vorstellung, man könne das Ökonomische aus sich heraus verstehen, in Annäherung an das Exaktheitsverständnis der Naturwissenschaften erforschen und das so gewonnene sichere Wissen in der ökonomischen Bildung an die nächste Generation weitergeben, hat sich gründlich blamiert. Und den Bankenverband möchte man fragen, wie zuverlässig das wirtschaftliche Wissen seiner eigenen Mitglieder angesichts der von Banken wesentlich verursachten Krise ist.
Gewiss muss man nachvollziehen können, warum bestimmte Formen der Kreditvergabe an amerikanische Hausbesitzer europäische Banken in den Ruin treiben können, wenn man die aktuelle Krise beurteilen will. Aber es ist wieder deutlicher sichtbar geworden, dass die entscheidenden Fragen für das Verständnis und die Beurteilung des Geschehens politische Fragen sind: wie und warum solche Geschäftsstrategien möglich wurden; wer mit welchen Interessen die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen hat; ob es bessere Ordnungsalternativen gibt und welche möglichen unerwünschten Nebenfolgen diese haben könnten; wer welche Folgekosten der Krise tragen soll.
Vielleicht schärft die Krise in den Wirtschaftswissenschaften das Bewusstsein dafür, dass sie es mit menschlichem Verhalten in Gesellschaften mit allen seinen Unwägbarkeiten zu tun haben, dass ein pseudonaturwissenschaftliches Selbstverständnis deshalb eine Fehlentwicklung und eine theoretische und methodische Öffnung zu den anderen Sozialwissenschaften hin überfällig ist. Der Wirtschaftsnobelpreis an Paul Krugmann ist vor diesem Hintergrund ein hoffnungsvolles Zeichen.

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© Wolfgang Sander