Das christliche Erbe und die "Leitkultur"

Freitag, 16. März 2018

 

Im Koalitionsvertrag der neuen großen Koalition in Deutschland findet sich der bemerkenswerte Satz: „Auf Basis der christlichen Prägung unseres Landes setzen wir uns für ein gleichberechtigtes gesellschaftliches Miteinander in Vielfalt ein.“

 

Das ist treffend formuliert und könnte impulsgebend sein für die notwendige und unvermeidliche Debatte um Konsens und Vielfalt, nicht zuletzt mit Blick auf den Islam. Denn längst hat sich die Vorstellung als illusionär erwiesen, Religion sei reine Privatsache, weshalb Politik und gesellschaftliches Zusammenleben sich auf einen irgendwie „humanistisch“ begründeten, gewissermaßen oberhalb der religiösen und weltanschaulichen Vielfalt angesiedelten Konsens stützen müssten. Eine solche Sichtweise, wie sie oft von Laizisten und Säkularisten vertreten wird, ist selbst weltanschaulich grundiert. Sie beruht meist auf einer einseitigen, verzerrten, ggf. auch historische Entwicklungen verfälschenden Fortschrittserzählung. Hiernach seien allein der erfolgreiche Kampf von Aufklärung, Wissenschaft und neuzeitlichen Emanzipationsbewegungen gegen das (christliche) Religion Grund und Ursache für die heutige Freiheit westlicher Gesellschaften gewesen. Aber dies ist ein ressentimentbeladenes Geschichtsbild, das in den Konflikten der 19. Jahrhunderts wurzelt.

 

Die neuere kirchen- und religionsgeschichtliche Forschung zeigt ein ganz anderes, sehr viel differenziertes Bild, in dem sich die prägende Kraft des Christentums für die westliche Kultur wieder deutlicher zeigt. So kann die Formulierung von der „christlichen Prägung unseres Landes“ zunächst einmal als eine zutreffende Feststellung verstanden werden. Bei Jürgen Habermas kann man eine pointierte Begründung für diese Feststellung lesen: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur eine Vorläufergestalt oder ein Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben, von autonomer Lebensführung und Emanzipation, von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative. Auch angesichts der aktuellen Herausforderungen einer postnationalen Konstellation zehren wir nach wie vor von dieser Substanz. Alles andere ist postmodernes Gerede.“ (Zeit der Übergänge, Frankfurt/M. 2001, 174 f.)

 

Aber es geht ja um mehr als um historisch zurückblickende Feststellungen. Es geht um die künftige Gestaltung des Zusammenlebens, um „ein gleichberechtigtes gesellschaftliches Miteinander in Vielfalt“ – und es geht um die geistigen Ressourcen, aus denen solche Anstrengungen schöpfen können. Hier wird das (alles andere als klare) Postulat der „weltanschaulichen Neutralität des Staates“ nicht reichen. Habermas hat recht: Es gibt in Deutschland und Europa bei der Suche nach solchen Ressourcen bis heute zu einem reflexiven Bezug auf das (auf der jüdischen Geschichte aufbauende) christliche Erbe keine Alternative. Im Gegenteil: Nichts verbindet ganz Europa in West und Ost mehr als eben dieses Erbe.

Eine solche Neubesinnung auf die christliche Prägung würde vielleicht auch der immer wieder reflexhaft in den gleichen Fronten erstarrenden Debatte über eine „Leitkultur“ eine andere Richtung geben. Denn eine auf die christliche Prägung rekurrierende „Leitkultur“ könnte gerade nicht nationalkulturell verengt, sondern müsste europäisch orientiert sein. Die Europäische Union sollte durchaus dazu stehen, der „Christenclub“ zu sein, als den sie Erdogan mit verächtlichem Unterton bezeichnete. Aber zur Hausordnung dieses Clubs gehört gerade wegen seines Profils die Freiheit jedes Einzelnen, unter Einschluss der Religionsfreiheit.

 

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© Wolfgang Sander