KMK zur Lehrerbildung: wieder eine verpasste Chance

Sonntag, 23. November 2008

 

Ein wichtiger Schritt sollte es sein: Am 16. Oktober beschloss die Konferenz der Kultusminister in Deutschland (KMK) „ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung". Dass dies überhaupt erforderlich war, ist dem deutschen Bildungsföderalismus geschuldet: Seit einigen Jahren reformiert jedes Bundesland mit Blick nach „Bologna" (oder was man dafür hält) die Lehrerbildung vor sich hin, so dass nicht mehr Kompatibilität, sondern das Gegenteil droht: ein Wirrwarr miteinander unvereinbarer Studiengänge. Hier sollen nun die gemeinsamen Anforderungen der KMK Abhilfe schaffen.
Zunächst möchte man das Vorhaben loben und es beinhaltet auch viele gute Ansätze: Eine Beschränkung der verbindlichen Studieninhalte auf eine DIN A4-Seite pro Fach, die verbindliche Verankerung der Fachdidaktiken, Kompetenzprofile als Ausgangspunkt. Für das Fach der politischen Bildung aber ist das Ergebnis in mancher Hinsicht kläglich. Als einziges Schulfach hat dieses Fach keine klare Fachbezeichnung, sondern in der Überschrift gleich drei Namen bekommen: „Sozialkunde/Politik/Wirtschaft"! Gewiss trägt dies einem ärgerlichen Missstand in der Praxis Rechnung, der gleich zu Beginn des Papiers benannt wird: „Die Bezeichnung des Faches ist in den Bundesländern unterschiedlich." Kein Wort aber darüber, dass dieses Ärgernis von der KMK selbst verursacht wurde, und zwar schon vor 58 Jahren (!) in ihrem ersten Beschluss zur politischen Bildung aus dem Jahr 1950. Weil die KMK damals nicht recht wusste, wie sich sich zwischen der Forderung nach politischer Bildung als Unterrichtsprinzip und der nach einem eigenen, neuen Fach für die politische Bildung entscheiden sollte, beließ sie es bei der Empfehlung für ein solches Fach und stellte den Ländern die Bezeichnung frei. Das war damals schon ein Fehler. Aber dass die KMK nach mehr als einem halben Jahrhundert, in dem dieses Fach sich etabliert hat, und nachdem seit 2003 die Forderung der GPJE auf dem Tisch liegt, es nun endlich einheitlich so zu benennen, wie es 1950 schon gemeint war - eben als „Politische Bildung" -, dies stellt schon ein sehr bemerkenswerte Unfähigkeit zur Korrektur von Fehlentscheidungen dar.
Leider ist das nicht die einzige Schwäche dieses Fachprofils. Was sollen in der Aufgabenbeschreibung für die Fachdidaktik „Ansätze der Berufsorientierung und der Demokratiedidaktik"? Wenn dies sinnvoll sein soll, warum dann nicht zum Beispiel auch, so möchte man fragen, Ansätze der „EU-Didaktik" oder der „Sicherheitspolitikdidaktik"? Gewiss wäre das abwegig, aber das Stichwort „Demokratiedidaktik" ist es unter Gesichtspunkten einer Aufgabensystematik für die Fachdidaktik nicht weniger und soll offenbar die Interessen einer Lobbygruppe aus der so genannten „Demokratiepädagogik" bedienen. Wenn schließlich von den drei Fachwissenschaften und „den ihnen zugeordneten Fachdidaktiken" die Rede ist, wird es vollkommen widersinnig; ein Fach kann am Ende nur eine gemeinsame Fachdidaktik haben, sonst ist es keines.
Aber vielleicht haben auch hier Lobbyinteressen Pate gestanden. Bekanntermaßen gibt es einschlägige Interessen, die auf ein eigenes Fach „Wirtschaft" zielen und alles daran setzen, den inhaltlichen Zusammenhang der sozialwissenschaftlichen Disziplinen im Fach der politischen Bildung zu sprengen.
So hat sich die KMK mit diesem Beschluss als wenig souverän erwiesen. Anstatt alte Fehler zu korrigieren, wurden neue gemacht; anstatt das Fach der politischen Bildung besser zu profilieren, wurde eine Art Gemischtwarenladen aus additiv nebeneinander gestellten disziplinären Perspektiven eröffnet. Ob es wohl noch einmal ein halbes Jahrhundert dauern wird, bis sich die KMK in Sachen Fachunterricht in der politischen Bildung als lernfähig erweist?

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© Wolfgang Sander