"Gendern" - ein Hemmnis für demokratische Verständigung

Mittwoch, 20.2.2019

 

Kürzlich fragte mich eine Studentin, ob es bei mir erlaubt sei, in einer Hausarbeit das generische Maskulinum (also z.B. den Plural „die Lehrer“) zu benutzen, wenn sie in einer Fußnote darauf hinweise, dass damit alle Geschlechter gemeint seien. Ich habe geantwortet, dass dies selbstverständlich erlaubt sei, und zwar auch ohne eine solche Fußnote, denn es entspreche der geltenden Rechtschreibung.

 

Nun ist eine solche Antwort inzwischen durchaus nicht mehr selbstverständlich. Hinter der Frage der Studentin stand die Erfahrung, die Studentinnen und Studenten heute in manchen sozial-, geistes- oder kulturwissenschaftlichen Instituten machen: die Erfahrung des massiven Drucks, wenn nicht gar des direkten Zwanges, in ihren Arbeiten zu „gendern“, also eine der so genannten „geschlechtergerechten“ Pluralbildungen mit großem Binnen-I (LehrerInnen), Unterstrich (Lehrer_innen) oder Gendersternchen (Lehrer*innen) zu verwenden. Als liberal gilt dann beinahe schon, wenn man sich eine dieser Varianten aussuchen darf.

 

Dass alle diese Schreibweisen der geltenden deutschen Rechtschreibung widersprechen, spielt dann keine Rolle mehr. Denn den Protagonisten solcher Schreibweisen geht es nicht um grammatikalische Feinheiten, sondern um Politik, genauer gesagt um Identitätspolitik. Auf die linguistischen Fehlschlüsse und Kalamitäten, die mit diesen Schreibweisen verbunden sind, soll deshalb hier auch nicht näher eingegangen werden (siehe dazu z.B. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/eine-kleine-sex-grammatik-das-grammatische-geschlecht-15568596.html?premium). Für ein imaginiertes Kollektiv – „die Frauen“, ggf. auch zusätzlich „LGBT“, erweiterbar bis „LGBTQIA+“) – wird „Sichtbarkeit“ eingefordert. Imaginiert sind solche Kollektive, weil niemand die ihnen zugeordneten Menschen nach ihrem Einverständnis fragt. Tatsächlich sind die „Gender-Schreibweisen“ ein Minderheitenprogramm, das lediglich in einem bestimmbaren politisch-kulturellen Milieu verbreitet ist und von diesem aktiv propagiert wird: dem meist als „linksliberal“ oder als „links-kulturalistisch“ bezeichneten Milieu, das in begrenzten Bereichen von Wissenschaft, Bildungssystem und Medien gut verankert sowie politisch im Umfeld von Grünen, Linken und Teilen der SPD verortet ist. Außerhalb dieses Milieus schreibt kaum jemand so – keine relevante Zeitung mit Ausnahme der in diesem Milieu viel gelesenen taz, kaum ein Sachbuch wird so geschrieben, erst recht nicht die Belletristik. Es gibt bekanntlich Frauen, die gegen eine solche Vereinnahmung entschlossen und öffentlich protestieren (z.B. https://www.zeit.de/2014/26/binnen-i-gleichstellung?fbclid=IwAR3BoqI6TZb6sbM5hOaSCgK9BYVYvpNTVn-6DGHXp9aHOYM4lqQ5T6ZJn9I , https://www.nzz.ch/feuilleton/gendern-in-aller-herrlichkeit-ld.1353522?fbclid=IwAR35wOOtC64q0usafu9bOH_pfI_LVLWzaGcWY7MdR-WmZ-9evUkVg6rvtXA), während viele andere außerhalb dieses Milieus andere Sorgen als solche der Pluralbildung haben. Denn in der Tat ist, wie Robert Pfaller in seinem aus einer politisch linken Perspektive geschriebenen Buch „Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ kritisiert, diese Form von Identitätspolitik ein Projekt eines privilegierten Milieus, das mit einer moralisierenden Sprache scheinbarer Empfindsamkeit die eigene Interessenpolitik überdeckt: „Sie fördert nicht die Frauen, sondern nur bestimmte Repräsentantinnen, vorwiegend innerhalb der politischen Klasse und des akademischen Milieus.“ (S. 27)

 

Dafür werden Bevormundung anderer, kulturelle Polarisierungen und Risiken für Freiheit und Demokratie in Kauf genommen. Denn demokratische Öffentlichkeit bedarf Medien der Verständigung über Kontroversen und divergente Interessen hinweg. Das elementarste Medium solcher Verständigung ist eine gemeinsame Sprache, auch und gerade in ihrer schriftlichen Form. Gewiss kann sie sich verändern, was ja andauernd auch geschieht. Aber es ist etwas anderes, ob sich solche Veränderungen ungesteuert aus der Praxis der Sprechenden und Schreibenden heraus entwickeln, oder ob sie mit politischen Intentionen von Akteuren gezielt ins Werk gesetzt werden, um über die Durchsetzung eines bestimmten Sprachgebrauchs auch das Denken zu verändern und auf diesem Wege ihre Ziele durchzusetzen. Letzteres erinnert an den „Neusprech“ aus Orwells 1984 und greift das elementarste Medium demokratischer Verständigung an.

 

Für die „genderbezogene“ Sprachpolitik trifft dies zu. Sie behauptet, der Identität von benachteiligten Kollektiven zum (sprachlichen) Ausdruck zu verhelfen und bevormundet dabei alle, die diese Sicht nicht teilen – durch subtilen Druck, aber auch durch versuchte Durchsetzung rechtschreibwidriger, aber politisch erwünschter Sprachnormierungen dort, wo die Macht dazu vorhanden ist, ob gegenüber studentischen Hausarbeiten oder in Form von Autorenhinweisen für Zeitschriften oder Sammelbände. Ich kann es mir leisten, mich dem zu verweigern – andere, wie Studenten oder Nachwuchswissenschaftler, können es unter Umständen nicht.

 

Überdies stellen solche Formen von Identitätspolitik noch in einer weiteren Hinsicht ein Problem für eine demokratische Öffentlichkeit dar. Wer sich auf „Identität“ beruft, nimmt für sich ein letztlich nicht verhandelbares Kriterium in Anspruch. Was aber, wenn andere das ebenfalls tun? Wenn also Kritikerinnen und Kritiker des „Genderns“ diesem ihre eigene Identität entgegenstellen, weil sie sich von solchen Schreibweisen als Leser belästigt und als Autoren bedrängt fühlen? Identitätspolitiken tendieren dazu, kompromissunfähig zu sein, sie tun sich schwer mit der Tugend von Maß und Mitte, die seit Aristoteles für gute Politik von hoher Relevanz ist.

 

Tatsächlich haben sich im allgemeinen Sprachgebrauch längst maßvolle und deshalb vernünftige Sprechweisen herausgebildet, die auf soziale Veränderungen, die sich Zuge der Gleichberechtigung der Geschlechter entwickelt haben, angemessen reagieren. Nichts spricht dagegen, die konkreten Lehrenden an einer Schule als „Lehrerinnen und Lehrer“ anzusprechen und gleichwohl von „Lehrerkollegium“ und „Lehrerberuf“ zu reden. Und selbstverständlich kann Frau Merkel als „Bundeskanzlerin“ angesprochen werden, obwohl sie im „Bundeskanzleramt“ arbeitet. Auch werden rund 50 Prozent Frauen nicht unsichtbar, wenn sie die Hälfte der „Studienanfänger“ und der „Studentenschaft“ darstellen. Dazu müssen sie nicht in „Studierende“ verwandelt werden, was sie zwar hoffentlich auch sind, aber eben nicht 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche.

 

Die „gendergerechte“ Sprachpolitik dagegen ist weder maßvoll noch vernünftig. Sie ist ein Hemmnis für demokratische Verständigung und Wasser auf die Mühlen des Rechtspopulismus, dem sie Anknüpfungspunkte für dessen Strategie der Polarisierung liefert.

 

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© Wolfgang Sander